Warum KI-Qualität mit der Informationsarchitektur beginnt und nicht mit dem Prompt

Ein Folgeartikel zu „Warum themenbasierte Informationsarchitekturen im Intranet scheitern und was wir endlich anders machen müssen”(Tobias Roth) 

 

Jahrelang war eine gut durchdachte Informationsarchitektur im Intranet das, was alle wollten und kaum jemand konsequent umgesetzt hat. Ein Nice-to-have. Eine Empfehlung aus der Beratung, die im Alltag dann doch wieder den Silos gewichen ist. Tobias Roth hat in seinem Artikel ganz genau beschrieben, warum das im Alltag so passiert und warum es trotzdem falsch ist. Wer seinen Beitrag noch nicht gelesen hat, sollte das nachholen. Er bildet die Grundlage für das, was hier folgt. 

Warum themenbasierte Informationsarchitekturen im Intranet scheitern und was wir endlich anders machen müssen

Warum themenbasierte Informationsarchitekturen im Intranet scheitern und was wir endlich anders machen müssen

 

Microsoft 365 Copilot bietet nun eine komfortable Lösung für Mitarbeitende, um Antworten auf Fragen in natürlicher Sprache über einen Chat zu erhalten. Damit ist aber aus dem Nice-to-have ein Muss geworden. Nicht weil Microsoft es so entschieden hat. Vielmehr weil Copilot schlicht das weitergibt, was er vorfindet. Ungefiltert und mit Überzeugung. Und wer glaubt, eine KI sei intelligent genug, aus chaotischen Strukturen trotzdem die richtigen Antworten zu destillieren, wird in den nächsten Monaten eines Besseren belehrt werden. 

 

Microsoft 365 Copilot ändert die bewährten Grundsätze für gute Informationsarchitektur nicht. Im Gegenteil: Wer diese Prinzipien missachtet, setzt seine Mitarbeitenden dem Risiko falscher oder irreführender Informationen aus! 

Die wichtigsten Fragen, warum Copilot ohne gute Informationsarchitektur scheitert - kurz beantwortet

Kompakte Einordnung, damit du sofort weißt, ob dieser Beitrag für dich relevant ist, bevor es in die Details geht.

Das gefährlichste Missverständnis zuerst

In Beratungsgesprächen begegnet uns regelmäßig ein Satz, der auf den ersten Blick beruhigend klingt: „Wir müssen da nichts extra vorbereiten, die KI ist ja intelligent genug, sich die richtigen Informationen selbst zusammenzusuchen.” 

 

Das ist ein Irrtum. Und er hat Konsequenzen. 

 

Copilot ist kein Redakteur, der Inhalte bewertet, einordnet und gewichtet. Er ist ein leistungsfähiges System zur Bedeutungssuche. Er findet, was inhaltlich zu einer Frage passt, und gibt es weiter. Was er findet, gibt er raus. Mit Überzeugung und ohne Vorwarnung. Das gilt übrigens nicht exklusiv für Copilot. Jedes KI-System, das auf SharePoint-Inhalte zugreift, arbeitet nach demselben Prinzip. Copilot ist hier das konkrete Beispiel, weil es das Werkzeug ist, mit dem die meisten Organisationen im Microsoft-Umfeld gerade starten.  

Was bisher ein Usability-Problem war, wird mit Copilot ein Vertrauensproblem. Und das ist ein grundlegend anderer Schmerz. 

Der Link, den Copilot nicht sieht

Eines der hartnäckigsten Missverständnisse, das in diesem Kontext immer wieder auftaucht, betrifft Verlinkungen. Die Annahme ist naheliegend: Wenn eine Seite gut verlinkt ist, ist sie auch gut vernetzt, auch für Copilot. Das stimmt nicht. 

 

Copilot beachtet keine Links und ignoriert auch Navigationsmenüs, die lediglich hierarchisch angeordnete Verlinkungen darstellen. Die KI liest, was auf einer Seite oder in einem Dokument steht, und zieht daraus seine Schlüsse. Ein Link ist für sie keine inhaltliche Verbindung, sondern ein Stück Text, das eine URL enthält. Mehr nicht.

 

Was das konkret bedeutet, zeigt ein Muster, das in vielen Intranets Standard ist: Eine Themenseite beschreibt auf hohem Niveau, was zu einem Prozess zu wissen ist, zum Beispiel zur Urlaubsbeantragung. Die eigentlichen Details, Regelungen, Formulare und Ausnahmen liegen in einem Dokument, das verlinkt ist und womöglich sogar in einer anderen Site liegt. Für menschliche Nutzer funktioniert das mehr oder weniger gut. Copilot hingegen findet die Seite und das Dokument als zwei völlig eigenständige, voneinander unabhängige Einheiten. Er weiß nicht, dass sie zusammengehören. Er kann keine vollständige Antwort aus beiden zusammensetzen, weil er den Zusammenhang schlicht nicht erkennt. 

 

Die Konsequenz: Wer Inhalte nach der Logik aufgebaut hat „die Seite erklärt, das Dokument liefert”, hat für menschliche Leser eine akzeptable Lösung geschaffen. Für Copilot ist es aber eine Sackgasse. 

Warum KI-Qualität mit der Informationsarchitektur beginnt und nicht mit dem Promp

Klassische Fehler, die jetzt fatal werden

Es gibt Strukturentscheidungen, die in Intranet-Projekten jahrelang getroffen wurden, weil sie für die bisherige Nutzung ausreichend waren. In Projekten haben wir sie häufig angetroffen und nicht selten auch akzeptiert. Mit Copilot ändern sich aber die Spielregeln. 

 

Veraltete Bestände sind keine Randnotiz mehr. 

In vielen Intranets gibt es Seiten, die aktuell gepflegt sind, und daneben Dokumente, die seit Jahren niemand mehr angefasst hat. Bisher hat ein Mitarbeitender das bemerkt, weil er das Dokument geöffnet, das Datum gesehen und selbst eingeschätzt hat. Copilot macht das nicht. Er liest Inhalte und gibt weiter, was er findet. Eine veraltete Richtlinie aus 2019 und eine aktuelle Seite aus 2025 werden mit gleicher Überzeugung zitiert, wenn beide zur Frage passen. Falsche Antworten wirken nicht falsch, wenn sie selbstsicher formuliert sind. 

 

Tobias hat beschrieben, wie Pflegeprozesse in vielen Organisationen nie wirklich definiert wurden. Bisher war das ein Qualitätsproblem. Mit Copilot ist es ein Fehlerquellenproblem. Redaktionskonzepte, Review-Zyklen und klare Ownership sind kein einmaliger Projektbaustein mehr, sie sind eine dauerhafte Betriebsgrundlage. 

 

Navigationslogik ohne Berechtigungen: das unterschätzte Risiko. 

Ein Beispiel, das in Beratungsgesprächen regelmäßig Aha-Momente auslöst, weil es sofort einleuchtet. 

 

Stellt man sich ein Unternehmen mit mehreren Standorten vor, das länderspezifische HR-Regelungen im Intranet abgelegt hat (Urlaubsansprüche, Gleitzeitregelungen, lokale Sondervereinbarungen): Diese Seiten sind über eine personalisierte Navigation so eingebunden, dass Mitarbeitende am Münchener Standort nur die deutschen Regelungen sehen, jene in London nur die britischen. Das hat bisher funktioniert. Niemand navigiert absichtlich zu den Seiten eines anderen Standorts. 

 

Berechtigungstechnisch sind aber alle diese Seiten für alle Mitarbeitenden zugänglich. Man hat sich darauf verlassen, dass die Navigation die richtige Orientierung liefert. Echte Berechtigungsgrenzen, die Copilot zuverlässig respektiert, wären technisch möglich. In der Praxis sind sie in vielen Umgebungen aber nicht gesetzt. 

Copilot kennt aber keine personalisierte Navigation. Er kennt nur Zugriff. Wenn also jemand aus München Copilot fragt, wie viele Urlaubstage ihm zustehen, durchsucht Copilot alles, worauf dieser Mensch Zugriff hat, und findet dabei möglicherweise auch die Regelungen für London, Dublin und Warschau. Die Antwort ist formal korrekt abgeleitet aus vorhandenen Inhalten. Inhaltlich ist sie falsch. 

 

Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber klar: Das sogenannte Oversharing ist ein Risiko. Das Sicherheitsmodell ist das Wissensmodell. Wer Inhalte nur über Navigation steuert, aber nicht über Berechtigungen, hat bisher auf eine menschliche Filterfunktion vertraut, die mit Copilot wegfällt. Das Prinzip Least Privilege, also Zugriff nur für wen nötig auf was nötig, war schon immer Best Practice. Mit Copilot ist es Voraussetzung für inhaltliche Korrektheit. 

Navigation ist nicht Berechtigung

Was Copilot wirklich braucht und warum unsere Haltung zur Themenorientierung bleibt

Themenbasierte Informationsarchitektur war bisher eine Forderung für bessere Nutzerführung und sie ist jetzt auch eine technische Anforderung für KI-Qualität. 

 

Copilot versteht keine Abteilungsnamen als inhaltliche Kategorien. Er versteht Bedeutung. 

Inhalte, die thematisch zusammengehören und auch strukturell zusammenliegen, auf derselben Site, in derselben inhaltlichen Domäne, erzeugen für Copilot einen kohärenten Kontext. Inhalte, die thematisch zusammengehören, aber über Abteilungssilos verteilt sind, erzeugen Rauschen. 

 

Was in diesem Zusammenhang manchmal auch als domänenbasierte Informationsarchitektur bezeichnet wird, meint im Kern genau das, wofür Tobias plädiert: Inhalte entlang fachlicher Themen organisieren, nicht entlang organisatorischer Zuständigkeiten. Zusammengehöriges zusammenhalten, nicht nur in der Navigation, sondern auch in der Ablagestruktur. 

Worauf es am Ende ankommt

Neben sauberen Berechtigungen ist dies die wichtigste Erkenntnis für jede Organisation, die Copilot ernsthaft einsetzen will: Die Qualität der Inhalte selbst entscheidet über die Qualität der Antworten. Nicht die Tiefe der Taxonomie, nicht die Vollständigkeit der Metadaten und schon gar nicht eine Ordnerstruktur, sondern das, was tatsächlich auf einer Seite oder in einem Dokument steht. 

 

Eine Seite, die ein Thema benennt, einen Einleitungsabsatz liefert und dann auf ein Dokument verweist, ist für Copilot inhaltlich leer. Er liest, was da steht, und wenn dort nicht viel steht, hat er wenig zu arbeiten. Was Copilot braucht, sind Seiten, die das Wesentliche selbst erklären. Das Dokument darf als vertiefende Quelle weiterexistieren, aber die Seite muss für sich selbst stehen können. 

 

Was das bedeutet: 

Das ist ein redaktioneller Anspruch. Und er trifft genau die Governance-Frage, die Tobias in seinem Artikel stellt: Wer ist verantwortlich? Wer pflegt? Wer stellt sicher, dass Seiten nicht nur existieren, sondern inhaltlich tragen? Mit Copilot bekommt diese Frage eine neue Dringlichkeit, denn was bisher ein internes Qualitätsthema war, wird jetzt in jeder Antwort sichtbar, die Copilot auf eine Mitarbeiterfrage gibt. 

Ein Wort zu Metadaten, weil das Missverständnis häufig ist

Regelmäßig begegnet uns in Projekten die Hoffnung, inhaltliche Schwäche von Seiten durch gute Verschlagwortung ausgleichen zu können. Wenn Seite und Dokument dieselben Tags tragen, würde Copilot sie als zusammengehörig erkennen. 

Das ist leider nicht so. Copilot arbeitet mit dem, was im sichtbaren Text steht, nicht primär mit Metadatenfeldern. Tags verbessern die klassische SharePoint-Suche. Sie bauen keine semantische Brücke zwischen inhaltlich dünnen Seiten. Metadaten sind ein wertvolles Werkzeug für Filterung, für Agent-Szenarien, für Governance. Aber sie ersetzen keinen guten Inhalt. Wer auf Tags setzt, um schwache Texte zu retten, wird enttäuscht sein. 

 

Wer jetzt nichts ändert, bekommt täglich die Quittung

Tobias hat geschrieben: „Themenorientierung ist die beste Informationsarchitektur, die wir haben. Aber sie funktioniert nur, wenn Unternehmen bereit sind, ihre Silos nicht nur auf der Navigationsebene, sondern auch organisatorisch aufzubrechen.” 

 

Das ist unsere gemeinsame Haltung und sie gilt jetzt mehr als je zuvor. Copilot fügt dieser Forderung einen neuen, sehr konkreten Treiber hinzu. Was bisher an fehlendem Leidensdruck scheiterte, bekommt jetzt ein tägliches Feedback. Jede falsche Copilot-Antwort ist eine direkte Konsequenz schlechter Informationsarchitektur. Jeder Mitarbeitende, der der KI nach der zweiten Fehlinformation nicht mehr traut, ist ein Symptom fehlender Governance. Wer nicht weiß, wo in seiner Umgebung Oversharing-Risiken schlummern, muss nicht im Dunkeln tappen. Microsoft bietet mit SharePoint Advanced Management heute konkrete Werkzeuge, um solche Risiken sichtbar zu machen, zu bewerten und gezielt zu beseitigen. Das ist kein aufwendiges IT-Projekt, sondern der logische erste Schritt vor jeder Copilot-Einführung. 

 

Was in IPI-Projekten seit Jahren als Best Practice gilt, themenorientierte Navigation, klare Ownership, saubere Berechtigungen, gepflegte Inhalte, ist mit Copilot keine Empfehlung mehr, sie ist Betriebsgrundlage. 

Copilot liest kein Menü. Er liest, was hineingeschrieben wurde. Und er gibt es weiter. 

 

 

Wenn ihr prüfen wollt, ob eure Informationsarchitektur bereits Copilot-tauglich ist oder wo Risiken durch Oversharing und unklare Strukturen entstehen, unterstützen wir euch gerne bei Analyse und Governance.

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